Ca. einen Monat vor ihrem letzten Schultag, am 25. März 2026, hatten die 8A und eine GPB+ Gruppe noch einmal die Gelegenheit eine besondere Zeitzeugin kennen zu lernen. Selma Jahić flüchtete 1995 als 7-Jährige gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem 5-jährigen Bruder vor den Gräueln des Krieges in Bosnien und Herzegowina nach Wien. Ihr Vater war zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre in Wien und so war die Familie endlich wieder vereint.
Selma Jahić hat mehrere Familienmitglieder im Krieg verloren. Ihr Urgroßvater kam 1992 bei der Bombardierung ihres Dorfes ums Leben. In den Wirren des Krieges konnte ihre Familie ihn nicht einmal bestatten. Jahićs Großvater war mit über 8000 anderen Männern und Jungen Opfer des Genozids von Srebrenica im Juli 1995. Der Mann, der ihn damals an die serbischen Milizen abführte, war ein serbischer Nachbar. Erst 2007 konnten seine Überreste identifiziert und bestattet werden, so wurde der Familie zumindest diese unerträgliche Ungewissheit genommen. Die Wunden von damals sind immer noch nicht ganz verheilt. Selma Jahić erzählte uns weshalb und ließ uns an unzähligen berührenden Anekdoten aus ihrem Leben als Kind im Vorfeld und während des Krieges teilhaben.

Selma Jahic als Kind mit ihrer Mutter in ihrem Dorf im Osten Bosnien und Herzegowinas, 1994.
Seit einigen Jahren ist Jahić als Zeitzeugin tätig und war in der Kundmanngasse nun zum ersten Mal zu Besuch an einer Schule. Den Sinn ihrer Tätigkeit fasste sie selbst am besten zusammen:
„Meine Aufgabe als Überlebende ist es, zu verhindern, dass Menschen einander hassen“, sagt Jahić. „Vergeben kann man solche Kriegsverbrechen nicht. Man kann darüber hinauswachsen. Das heißt, dass man besser werden muss als die Menschen, die das getan haben.“
Als sie mit ihrem kleinen Neffen in Srebrenica am Friedhof war, stand sie beim Grab des Großvaters und weinte. Dessen Überreste waren 2007 in einem Massengrab gefunden worden. Ihr Neffe fragte, ob sie weine, weil der Opa tot ist. Sie antwortete: „Nein, ich weine, weil er getötet wurde.“ – „Von wem wurde er getötet?“ – „Von Tschetniks.“ – „Wer ist das?“ – „Nationalistische Serben.“
„Hassen wir die Serben?“, fragte er schließlich. „Nein“, antwortete seine Tante. Sie zeigte auf die tausenden weißen Grabsteine und erklärte ihm, dass diese Menschen tot sind, weil sie gehasst wurden. „Und so wollen wir niemals werden. Wir hassen niemanden.“
Wir danken Frau Jahić herzlich für den wertvollen Besuch und hoffen, sie bald wieder einmal begrüßen zu dürfen.
Zitat aus: https://www.falter.at/zeitung/20250708/30-jahre-nach-kriegsende








